"Süper, süper"

Halbmond und Mercedes-Stern: Dieter Zetsche, Vorstandsvorsitzender der Daimler AG beschreibt in seinem Beitrag, wie gemeinsame Arbeit Integration fördert - und welche Verbindungen der Automobilkonzern in die Türkei hat. Der Beitrag von Zetsche, der selbst in Istanbul geboren ist, erschien in dem von Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster und dem Grünen-Vorsitzenden Cem Özdemir  gemeinsam herausgegeben Buch “Mitten in Deutschland”.   

 „Süper süper“ – diese türkische Aussage versteht auch in Deutschland jeder, ohne sie im Wörterbuch nachzuschlagen. Ein Kollege gratulierte mit diesen Worten unserem Unternehmen im Intranet zum 125. Jahrestag der Erfindung des Automobils durch Gottlieb Daimler und Carl Benz. Was macht diesen Forumsbeitrag so außergewöhnlich? Die Antwort ist einfach: Nichts. Er gehört zu einer großen Zahl von Mitarbeiter-Glückwünschen, deren Absender einen türkischen Namen trägt. Tatsächlich wird in unserem Jubiläumsgästebuch etwas deutlich, das ich im Arbeitsalltag immer wieder erlebe: Egal ob die Grüße auf Türkisch, Deutsch, Englisch, Portugiesisch oder in einer anderen Sprache verfasst sind – aus ihnen allen spricht dieselbe Identifikation mit Daimler, derselbe Stolz auf das gemeinsam Erreichte. Das heißt, während vor den Werkstoren mal mehr, mal weniger über den Erfolg oder Misserfolg von Integration diskutiert wird, ist sie in unseren Büros und Produktionshallen vielfach längst gelebte Realität. Woran liegt das?

Ein Ziel, das verbindet: Gemeinsam arbeiten für den Stern

Als Daimler-Mitarbeiter freut man sich, wenn ein neues Produkt einen Preis gewinnt oder von der Presse Bestnoten erhält. Wenn es beim Kunden ankommt. Wenn im Café die Blicke der anderen Gäste einem vorbeifahrenden Mercedes folgen. Und anders als beim Lieblingsfußballverein kommt beim Arbeitgeber noch ein wichtiger Punkt hinzu: Die Beschäftigten wissen, dass sie durch ihre Leistung selbst zum Erfolg des Unternehmens beitragen. Dieser Stolz verbindet. Daimler schafft so eine gemeinsame Identität – das Unternehmen wird zu einer Art ideellen Heimat.

Gleichzeitig fördern Unternehmen nicht nur die Integration von Migranten, sie profitieren natürlich auch von ihr. Schon vor einem halben Jahrhundert unterzeichneten Deutschland und die Türkei ein Anwerbeabkommen, weil die enorme Nachfrage in den Wirtschaftswunderjahren ohne zusätzliche Arbeitskräfte gar nicht zu bewältigen gewesen wäre. Die damalige Daimler-Benz AG schickte ganze Buskolonnen an den Bosporus, um vor Ort Arbeitskräfte zu werben. Viele kamen ohne Fachausbildung und praktisch ohne Deutschkenntnisse in die Bundesrepublik. Kaum jemand hatte vor, dauerhaft hier zu bleiben. Die meisten wollten sich nach dem üblichen Zweijahresvertrag mit dem ersparten Geld eine eigene Existenz in der Heimat aufbauen. Für viele kam es anders – oft deshalb, weil ihnen ihr zufriedener Arbeitgeber eine Festanstellung anbot.

Wir brauchen in Zukunft die Zuwanderung von Fachkräften

Was hat sich seit damals verändert? Vor allem unsere Einstellung zur Zuwanderung. Heute sehen wir die kulturelle Vielfalt im Unternehmen nicht mehr als Übergangslösung. Im Gegenteil: Wir wissen, dass eine möglichst vielfältige Zusammensetzung unserer Belegschaft ein wichtiger Erfolgsfaktor für die Zukunft ist. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Zum einen sind unsere Kunden überall auf der Welt zuhause. Sie haben, auch kulturell bedingt, häufig unterschiedliche Wünsche und Ansprüche – und die verschiedenen Perspektiven unserer Mitarbeiter helfen uns dabei, diese besser zu verstehen. Zum anderen verändert sich die Bevölkerungsstruktur in Deutschland. Das Durchschnittsalter steigt. Schon in 15 Jahren stehen deshalb voraussichtlich rund 6,5 Millionen Arbeitskräfte weniger zur Verfügung als noch 2010. Das bedeutet, dass wir in Zukunft mehr Zuwanderung von Fachkräften brauchen. Und dass wir das Potenzial der Menschen mit Migrationshintergrund besser nutzen müssen. Immerhin gehören zu dieser Gruppe fast 20 Prozent aller in Deutschland Lebenden. Unter den jungen Menschen ist der Anteil noch deutlich höher.

Spitzenleistung fragt nicht nach Nationalität

Bei Daimler folgt die Personalpolitik deshalb einem einfachen Credo: Spitzenleistung fragt nicht nach Nationalität, Geschlecht oder sozialer Herkunft. Und wir wollen die besten Talente für uns gewinnen – schließlich war schon Carl Benz’ Motto „Vom Guten das Beste.“ Dass wir mit dieser Einstellung gut fahren, zeigt das Beispiel unserer vielen türkischstämmigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Heute arbeiten in unserem Unternehmen schätzungsweise rund 12.000 Türken weltweit – darüber hinaus viele weitere mit deutschem Pass und türkischen Wurzeln. Auch unter ihnen gibt es Familien, bei denen das „Schaffen“ beim Daimler quasi zur Tradition geworden ist – häufig zu einer sehr erfolgreichen. Ich erinnere mich an ein typisches Beispiel: Die Großmutter ist mit ihrem Mann in den 1960er-Jahren aus Anatolien nach Stuttgart gekommen und hat bis zur Rente als Küchenhilfe in der Daimler-Kantine gearbeitet. Ihr Sohn ist Maschinenschlosser in unserem Werk in Untertürkheim. Und seine Tochter ist nach ihrem BWL-Studium vor kurzem als Controllerin bei uns eingestiegen. Geschichten wie diese zeigen, dass türkischstämmigen Mitarbeitern heute alle Ebenen des Unternehmens offen stehen, von der Montage bis zum Top-Management.

"Die Türken können’s."

Seit über 40 Jahren fertigen wir zum Beispiel viele Mercedes-Benz Nutzfahrzeuge in der Türkei. Unser Bus-Werk Ho¢dere bei Istanbul war bei seiner Eröffnung 1968 eine der ersten Daimler-Produktionsstätten überhaupt außerhalb Deutschlands. Das war eine kleine Sensation. Denn noch Mitte der 1970er-Jahre – als ich meinen ersten Arbeitstag im Unternehmen hatte – fing das „Ausland“ für manche Daimler-Ingenieure quasi in Bayern an. So standen zwei Fragen im Raum: „Können die Türken das überhaupt?“ Und: „Darf ein Mercedes außerhalb Schwabens entstehen?“ Inzwischen haben selbst die hartnäckigsten Skeptiker gelernt: Er darf. Und die Türken können’s. Das beweist auch unser Werk im anatolischen Aksaray, in dem seit 25 Jahren Mercedes-Benz Lkw vom Band laufen.

Für viele unserer Kolleginnen und Kollegen – gleich welcher Nationalität – ist es geradezu eine „Frage der Ehre“, dass ihre Arbeit das Qualitätsversprechen der Marke Mercedes-Benz erfüllt. Es ist diese Einstellung, die Mercedes so stark macht. Man könnte auch sagen: „Deutsche Wertarbeit“ ist nicht mehr nur eine deutsche Tugend. Der Erfolg unserer Produkte aus türkischer Fertigung beweist das: In Ho¢dere läuft die Produktion von Reise- und Stadtbussen der Marke Mercedes-Benz so gut, dass wir mittlerweile einen großen Teil unserer Bus-Produktion dort konzentriert haben – in einem der modernsten Omnibus-Werke weltweit. Und mit den Mercedes-Benz Lkw, die in Aksaray gebaut werden, sind wir Marktführer in der Türkei und exportieren in über 50 weitere Länder. In puncto Lkw-Absatz ist das Land nach Deutschland und Brasilien die Nummer Drei unserer wichtigsten Märkte.

„Tiger am Bosporus“

Insgesamt ist die Automobilindustrie das wichtigste Zugpferd für die türkische Wirtschaft. Und die Wirtschaftsleistung des Landes ist mehr als beeindruckend – die Türkei ist gleichsam ein „vorderasiatischer Tigerstaat“. Seit 2002 hat sich das statistische Pro-Kopf-Einkommen verdreifacht. 2010 wuchs die Wirtschaft nur in Indien und China ähnlich schnell – Prognosen zufolge dürfte sie sich in den kommenden 15 Jahren mehr als verdoppeln. In der Rangliste der weltgrößten Volkswirtschaften liegt die Türkei bereits auf Platz 15. Und die globale Rezession hat das Land weit weniger getroffen als viele andere Märkte. All das sind gute Nachrichten für Deutschland – schließlich sind wir mit Abstand wichtigster Handelspartner der türkischen Wirtschaft.

Ich bin überzeugt: Deutschland und die Türkei haben eine gute gemeinsame Zukunft. Uns verbinden die vielen Menschen, die von den Kulturen beider Länder geprägt sind. Wie sehr uns das bereichert, erleben wir bei Daimler jeden Tag. Verwenden wir also in Zukunft unsere Energie darauf, unsere Gemeinsamkeiten zu entdecken. Und lernen wir von unseren Unterschieden, anstatt uns zu sehr auf das Trennende zu konzentrieren. Dann bleibt die Beziehung beider Länder, was sie doch eigentlich heute schon ist: Süper süper.

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